Umgangsformen: Wer die Form kennt, darf sie zerbrechen?

Sie kennen ihn sicher auch, diesen viel zitierten Umgangsformen-Satz: Wer die Form kennt, darf sie zerbrechen. Und vielleicht haben Sie sich darüber auch schon einmal Gedanken gemacht. So wie ich seit vielen Jahren.

Früher dachte ich immer: „Solch ein Unsinn. Wenn ich die Form zerbreche, benehme ich mich doch daneben. Wie sollen andere also wissen, dass ich sie kenne?” Oder sollte dieser Satz etwa bedeuten, dass sich derjenige nicht an Formen halten muss, der sie kennt? Das klingt für mich reichlich überheblich und borniert.

So füllt sich der Satz mit Leben

Erst seit wenigen Jahren ist mir das berühmte Licht aufgegangen. (Das muss wohl etwas mit dem Älterwerden zu tun haben!) Sinnvoll wird dieser Satz unter der folgenden Voraussetzung: Ich zerbreche die Form, sprich ignoriere eine Umgangsformenregel, und gebe dafür einen Grund an. Dadurch werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Erstens:
Es wird deutlich, dass ich die Form sehr wohl kenne. Zweitens: Andere können nachvollziehen, warum ich mich ,,falsch" verhalte.

Die „falsche” Begrüßung

Ein Beispiel:
Begrüßung mehrerer Personen, die in einer Gruppe zusammensitzen.

Die Situation:
Der erste Tag eines Kongresses. Viele Kolleginnen und Kollegen, die sich seit einem Jahr oder länger nicht gesehen haben. Große Begrüßungs-Arien rundum.
Ich muss ins Pressebüro zu einem Live-Rundfunkinterview. Habe nur noch wenige Minuten Zeit bis zum Beginn. Eine Tischrunde in der Lobby-Bar, die ich durchqueren muss, winkt mir freudig zu. „Hallo, wie schön, Sie zu sehen. Wie geht's?” Blitzschnell überdenke ich die Lage: „Hallo! Leider keine Zeit” und weiterrennen? Erscheint mir sehr brüsk. Alle begrüßen, wie es sich gehört? Dauert zu lange.

Die Alternative:
Ich begrüße die einzige Dame in der Tischrunde mit Handschlag und den begleitenden Worten: ,,Bitte, meine Herren, nehmen Sie diese Begrüßung ausnahmsweise als Ersatz für alle. Ich muss in drei Minuten für ein Live-Interview im Pressebüro sein. Muss also rennen. Ich komme danach für einen kleinen Plausch und die richtige Begrüßung zurück. Bis dahin." Und weg bin ich mit dem Gefühl, die Situation gerettet zu haben.

Ein Beispiel für Dank per Fax

Ein anderes Beispiel mit gleich „zweifachem Bruch”: Ich bekomme einen wunderschönen Blumenstrauß als Dank für eine Einladung.
Daraufhin schreibe ich einen Brief, den ich an den Schenkenden faxe.

Er enthält ein PS mit folgendem Wortlaut:
„Dieses Fax ist doch ein herrliches Beispiel für den Satz: Wer die Form kennt, darf sie zerbrechen, finden Sie nicht auch? Erster Bruch: Der Dank für den Dank ist nicht nötig. Aber es war mir einfach wichtig.”

Also breche ich die Regel, weil mir mein Gefühl das sagt.

Zweiter Bruch: Ein Fax ist nicht o.k. für einen offiziellen Dank. Ich weiß aber, dass Sie ab morgen für Wochen verreist sind. Also breche ich die Regel ohne schlechtes Gewissen. Ja, man könnte sagen: Mit Wonne. Ist das nicht amüsant?
,Frau Knigge' bricht ihre eigenen Regeln. Einzige Frage: Bin ich damit nun bei Ihnen in ein Fettnäpfchen getreten oder nicht?

Die klare Antwort darauf lautete: Nein. Der Brief, der auch gute Wünsche für die Reise enthielt, hat keinerlei Negativeindrücke hinterlassen. Im Gegenteil: Er hat Freude bereitet.

Fazit: Wer die Form „richtig zerbricht”, beweist trotzdem Stil und Etikette.