Die Nichteinladung von Hans Wilhelm Gab
Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser,
vielleicht haben Sie schon von Hans Wilhelm Gab gehört? Er
war Vorstandsmitglied bei Opel, Vizepräsident von General
Motors Europa, Präsident der Deutschen Sporthilfe und
Mitglied im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees.
In diesem Jahr feiert er seinen 70. Geburtstag, und Sie
ahnen es schon: Der Mann hat viele Freunde und Bekannte.
Doch anstatt eine große Geburtstags-Party zu feiern,
verschickte er an 500 Personen eine Nichteinladung ja,
Sie haben richtig gelesen: Nichteinladung. Und darauf
stand schön gedruckt: Eigentlich würde es sich gehören, diesen Geburtstag festlich zu begehen. Doch gebietet es sich, auch darüber nachzudenken, was man mit der Ausrichtung einer solchen Geburtstagsfeier eigentlich anrichtet ...
Und dann beschreibt Hans Wilhelm Gab die Folgen: Sein Geburtstag fällt auf einen
Freitag: Die Züge sind überfüllt, die Autobahnen voll, das geplante lange Wochenende
mit Frau, Kindern und Enkeln ist hin. Aber klar, man fühlt sich ja freundschaftlich
verbunden, man ist höflich, das Protokoll verlangt es ... Viele nette Menschen machen sich
auf den Weg, und zwar in der Gewissheit, mit dem Geburtstagskind im Gewühle dieses
Tages bestenfalls drei Sätze sprechen zu können.
In humorvollen Sätzen malt der Jubilar aus, wie sein Fest ablaufen würde: Nach dem
beschwerlichen Defilee der Gäste folgt eine bedrohliche Menge von Würdigungen,
Lobreden und Grußworten, die Geduld und Ausdauer der Gäste auf das Äußerste strapazieren. Um das zu verhindern, schlägt Hans Wilhelm Gab vor, seinen Geburtstag virtuell zu feiern.
Seine Empfehlung für den Festtag: Schenken wir uns gegenseitig ein paar freundliche
Gedanken, ein jeder von seinem Standort aus. Sie denken dabei auch daran, was allein die
Reise nach Frankfurt gekostet hätte. Und freuen sich, dass Sie dieses Geld nun nützlicheren
Zwecken zuführen können und zudem noch kostbare Stunden Zeit gewonnen haben.
Mich hat die Nichteinladung inspiriert und zum Schmunzeln gebracht. Vor allem der
Schlusssatz, in dem Hans Wilhelm Gab sehr viel Wertschätzung ausdrückt: Ich bin froh
und stolz, Menschen wie Sie zu kennen und Ihnen demnächst wieder zu begegnen ohne
Ihnen dabei gleich einen ganzen Tag zu klauen ...
Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Rainer Wälde
Herausgeber Der große Knigge
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