Liebe Leser,
bei uns in Stuttgart (Staatstheater Stuttgart) sind Ende
nächster Woche die offiziellen Theaterferien beendet. Theater
ist auch nicht mehr das, was es einmal war - und das liegt in
erster Linie an den Gästen.
Haben Sie sichauch schon einmal gefragt,welche Regeln im
Theater/in der Operheutzutage eigentlich noch gelten?„Der
große Knigge“ hat sich dieser Frage gewidmet. Hier die
gröbsten Fettnäpfe, die ich im Theater alle schon erlebt
habe. Leider!
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1. Kleidung
Bitte nicht:Als Mann spielen Sie den Rebell und vertreten
die Meinung, dass Kulturliebhaber Ihre ausgewaschene Jeans und
Rocker-Lederjacke tolerieren müssen. Als Frau kleiden Sie sich
so auffällig und sexy, dass Sie den Bühnendarstellern und
allen Anwesenden die Show stehlen.
Bitte gern: Sie entscheiden sich für ein elegantes
Outfit, mit dem Sie sich unter all den anderen festlich gekleideten
Gästen wohlfühlen und auch den Bühnendarstellern
Ihren Respekt erweisen. Nur noch selten, etwa bei Premieren, wird
allerdings der Smoking für Herren und für Damen das
Abendkleid vorgeschrieben.
2.Taschen, Mäntel und Hüte
Bitte nicht:Die gefüllten Einkaufstüten, die
Sie vom Stadtbummel vor dem Theaterbesuch mitbringen, versuchen sie
unter Ihrem Sitz zu verstauen. Weil Sie außerdem niemanden
gefunden haben, der auf Ihren Hund aufpasst, haben Sie ihn auch
noch dabei.
Bitte gern:Alles, was Sie während der
Vorführung nicht benötigen – also Jacken,
Mäntel, Hüte, Schals, Koffer oder Rucksäcke –,
geben Sie an der Garderobe ab. Es ist eine nette Geste, die
Garderobengebühr aufzurunden und den Garderobenkräften
ein kleines Trinkgeld zu geben.
3.Plätze einnehmen
Bitte nicht:Sie lassen sich bis zum letzten Klingelton
Zeit, um Ihren Platz einzunehmen. Da Sie Mittelplätze
reserviert haben, genießen Sie es, dass alle Anwesenden sich
noch einmal für Sie erheben müssen.
Bitte gern:Wenn Sie Mittelplätze gebucht haben,
nehmen Sie diese frühzeitig ein. Anderen Gästen sollten
Sie nicht Ihre Hinterseite zuwenden, wenn Sie sie passieren
müssen. Drehen Sie Ihnen die Vorderseite zu; ein Lächeln
mildert die Störung und wirkt versöhnlich.
4.Duftnoten
Bitte nicht:Die Körperausdünstungen des Tages
übertünchen Sie mit einer Duftwolke aus Parfüm.
Bitte gern:Falls Sie direkt nach der Arbeit ins Theater
gehen, wappnen Sie sich mit Erfrischungstüchern und kleinen
sogenannten Pocket-Deos für die Hand- oder Aktentasche.
Achtung: Wenn Sie eine bestimmte Parfümsorte über eine
lange Zeit hinweg benutzen, nimmt Ihre Nase den Duft nicht mehr
intensiv war. Die Gefahr der Überdosierung ist groß.
Zweimal, maximal dreimal pumpen genügt!
5.Handy
Bitte nicht:Ohne Ihr Handy können Sie nicht leben
und Ihre beste Freundin/ihr bester Freund erwartet ohnehin, dass
Sie sie/ihn per SMS über den Verlauf der Vorführung auf
dem Laufenden halten.
Bitte gern:Sie schalten das Handy aus – am besten,
bevor Sie das Theater betreten. Auch andere optische oder
akkustische Störungen wie Foto- oder Videoaufnahmen sind
verboten.
6.Erkältung
Bitte nicht:Die Nase trieft, Husten- und Niesanfälle
wechseln sich ab. Aber bezahlt ist bezahlt! Sie haben das Ticket
gekauft, also gehen Sie auch hin.
Bitte gern:Aus Rücksicht auf die anderen Gäste
und die Künstler bleiben Sie zu Hause, wenn Sie mit Ihren
Hustenanfällen und Schniefattacken die Vorstellung stören
würden.
7.Essen und Trinken
Bitte nicht:Theater ist wie Kino und wird mit Popkorn und
Gummibärchen zum gemütlichen Ereignis.
Bitte gern:Stärken können Sie sich in der
dafür vorgesehenen Pause. Falls Sie während der
Vorstellung ein Hustenbonbon lutschen möchten, wird sich wohl
niemand daran stören. Tütengeraschel, Schlürf- oder
Essgeräusche sind während der Vorstellung jedoch nicht
erwünscht – Speisen und Ge- tränke bleiben
draußen.
8.Live-Kommentare
Bitte nicht:Sie fühlen sich wie ein Kommentator bei
der Fußball-WM und lassen keine Zeit verstreichen, um Ihrem
Sitznachbarn/Ihrer Sitznachbarin unmittelbar Ihre Bühnenkritik
mitzuteilen.
Bitte gern:Sie lassen die Gesamtvorstellung auf sich
wirken und tauschen sich mit Ihrer Begleitung/Begleiterin in der
Pause oder nach der Vorstellung aus.
9.Hobby-Sänger
Bitte nicht:Sie zeigen allen, dass Sie die Liedertexte
kennen, zu Hause am Karaoke-Programm Ihres Computers geübt
haben und selbst das Zeug zum Opernstar hätten.
Bitte gern:Sie üben weiterhin zu Hause unter der
Dusche. Falls Sie ein Publikum benötigen, erfreuen Sie Freunde
und Familie an Weihnachten nach der Bescherung.
10.Applaus, Applaus
Bitte nicht:Sie verlassen das Theaterhaus, sobald der
Vorhang zum ersten Mal zugeht. Schließlich möchten Sie
nicht mit allen anderen Besuchern an der Ausfahrt der Tiefgarage
anstehen.
Bitte gern:Sie wissen, dass auch der Applaus das Brot des
Künstlers ist, und spenden Beifall. Hat es Ihnen gefallen,
dürfen Sie sich nach der Vorstellung auch erheben, stehend
weiterklatschen und ihr Wohlgefallen durch einen
„Bravo“-Ruf zum Ausdruck bringen.
So kann die Theater-Saison beginnen!