„Knigge“ und Konflikte: Haltung schafft Wirkung

Kennen Sie die Situation, in der Sie merken, dass sich Ihr Standpunkt nicht mit dem Standpunkt Ihres Gegenübers verträgt? Wenn sich das Gesprächsklima anspannt und Sie sich zunehmend beherrschen müssen? Sei es in einer Debatte über COVID-19, die sich zwischen Befürwortern der behördlichen Maßnahmen und Mahnern vor den wirtschaftlichen, vielleicht katastrophalen Folgen spaltet, oder aber in einem Gespräch über eine bevorstehende Trennung von einem Lebens- oder Geschäftspartner: Streit ist vorprogrammiert.

Wichtig: Die Grundsätze der Wertschätzung, Augenhöhe und Herzensbildung sind in Gefahr, wenn wir unter Druck geraten.

Unser zehn Tipps und Gedankenanstöße unterstützen Sie dabei, Streit zu bewältigen und in Konfliktsituationen Haltung zu zeigen.

1. Streit ist menschlich.

Konflikte gehören zum Leben. Sobald sich Positionen unterscheiden und widersprechen, entstehen Spannungen. Und je nachdem, wie hoch diese Spannungen sind, sprechen wir von einer Meinungsverschiedenheit, einer Auseinandersetzung, einem Konflikt oder einem handfesten Streit.

Sehen Sie Konfliktsituationen und auch Streit als etwas Normales an, das nimmt die Dramatik aus der Sache.

2. Streit macht menschlich.

Wie die Corona-Krise zeigt, sind wir Menschen sehr flexibel, anpassungsfähig und lösungsorientiert, wenn wir eine gemeinsame Ebene haben. Oft stehen uns jedoch unsere Gefühle im Weg – und Gefühle machen den Menschen zum Menschen.

Gehen Sie in Konfliktsituationen kurz in sich und überlegen Sie, welche Gefühle bei Ihnen mitmischen, die womöglich gar nichts mit der Sache selbst zu tun haben, Ihre Anspannung jedoch erhöhen. Im Fall einer Trennung können uns zum Beispiel Zukunftsängste oder frühere Verletzungen plagen, die uns daran hindern, den gegenwärtigen Konflikt sachlich auszutragen.

3. Streit verbindet Menschen.

Was sich im ersten Augenblick widersprüchlich anhört, stimmt. Denn auch wenn die unterschiedlichen Positionen uns offensichtlich trennen, verbinden uns im Augenblick einer heftigen Debatte oder Trennung tiefe Emotionen aus alten Mustern: etwa Wut, Trauer oder Angst.

Denken Sie daran: Dem anderen geht es im Streit nicht besser als Ihnen. Den anderen sehen und seine Emotionen nachempfinden zu können, hilft (beiden Seiten).

4. Streit riskiert Beziehungen.

Streit kann Beziehungen kaputt machen oder intensivieren. Dabei kommt es auf das „Wie“ des Streitens an. Bedenken Sie, dass Beziehungen wie ein verbindendes Band sind. Ist es gerissen, lässt es sich nur knoten. Beziehungen sind elementar. Ohneeinander geht vieles nicht.

Gehen Sie bewusst mit Streit um und bleiben Sie respektvoll in Ihrer inneren Haltung und im Ausdruck.

5. Streit kann wachsen.

Streit ist „lebendig“ und hat damit die Fähigkeit, sich zu verändern – und damit auch die Fähigkeit zu wachsen. Friedrich Glasl, ein österreichischer Ökonom, Organisationsberater und Konfliktforscher hat ein Phasenmodel entwickelt, anhand dessen sich der Stand und Verlauf eines Konflikts einordnen lässt. Bei den von ihm beschriebenen Eskalationsstufen gibt es auch „the point of no return“ – den Punkt, an dem nichts mehr geht!

Warten Sie nicht zu lange, sondern handeln Sie rechtzeitig, damit sich die Fronten nicht so verhärten, dass es kein Zurück mehr gibt.

6. Streit sucht Positionen.

Streit muss sich verkörpern. Positionen sind ein Ausdruck für Etwas, was uns sinnvoll erscheint, um unser Ziel zu erreichen. Nicht mehr und nicht weniger. Verbeißen Sie sich nicht darin, die Position des Anderen zu entkräften, sondern erforschen Sie vielmehr, was ihn zu dieser Position bewegt, denn ...

7. Streit verfolgt Interessen.

Hinter jeder Position stecken Interessen – und die sind wichtig. Denn es geht bei einem Streit letztendlich nicht nur darum, die eigene Position zu behaupten, sondern die damit verbundenen Interessen zu verwirklichen. Wenn diese Interessen jedem bewusst und für jeden transparent sind, dann eröffnen sich im Streit neue Wege, die womöglich sogar zu einer Win-win-Situation für beide Seiten führen.

Unser Tipp: Fragen Sie Ihr Gegenüber im Streit nach dem Warum seiner Forderungen. Vieles wird dadurch klarer und verständlicher.

8. Streit braucht Ausdruck.

Beim Ausdruck geht es um den Ton und die Worte, die Sie im Streit wählen. Auch wenn Sie glauben, den richtigen Ton gefunden zu haben, kann es sein, dass Ihr Gegenüber Sie anders versteht, als wie Sie es beabsichtigen.

Prüfen Sie, was der andere gehört hat. Fragen Sie nach. Analysieren Sie, ob es das ist, was Sie bewusst oder unbewusst mitteilen wollten. Seien Sie höflich, zugewandt und interessiert im Denken und in der Kommunikation.

9. Streit benötigt Form.

Nicht alles lässt sich jederzeit und überall besprechen. Überdenken Sie, ob der Zeitpunkt und der äußere Rahmen passen, um einen Konflikt auszutragen. Stellen Sie sicher, dass alle, die erforderlich sind, um an einer Lösung zu arbeiten, auch anwesend sind. Oftmals hat schon allein die Umgebung Einfluss auf das Gespräch. Neutraler Boden bietet neue (neutrale) Strukturen. Vergewissern Sie sich, dass die Form für alle Beteiligten passt, und fragen Sie nach, wenn Sie sich nicht sicher sind.

10. Streit vertieft Haltung.

Im Streit zeigt sich, wo wir in unserer persönlichen Entwicklung stehen. Die von Adolph Freiherr Knigge beschriebene Haltung im Umgang mit Menschen beginnt bei uns selbst. Nutzen Sie Krisen und Konflikte als Ihr persönliches Entwicklungspotenzial. Das schafft Wirkung bei uns und im Umgang miteinander.

 

Unser Fazit:

Konflikte fordern uns heraus, und wir tun gut daran zu überlegen, wie wir diese Herausforderung annehmen. Mit Wertschätzung können wir uns im Streit auf Augenhöhe begegnen und eine solide Basis für eine tragfähige Lösung schaffen.

Mit „Knigge im Gepäck“ leisten wir einen wichtigen Beitrag, um unseren Werten auch im Fall einer Konfliktsituation treu zu bleiben. Sollte uns die friedliche Einigung alleine nicht gelingen, gibt es Verfahren, die uns darin unterstützen. „Mediation“ bietet im Streitfall einen guten Wegbegleiter – egal ob es um private oder berufliche Konflikte geht.

 

Ein Beitrag von Antje Groth und Petra Marzin.

Antje Groth, Mediatorin und Rechtsanwältin, hat sich auf die Konfliktprävention und -bewältigung in Kooperationen sowie bei der Teamarbeit spezialisiert. Ob Mensch, Team oder Kooperation, sie unterstützt den Einzelnen in einem umfassenden, tieferen Verständnis des Konfliktgeschehens. Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Petra Marzin. Die Betriebswirtin und Trainerin für Business-Etikette hat im Finanz- und IT-Bereich an Projekten vieler unterschiedlicher Beteiligter mitgearbeitet und weiß, wie wichtig ein funktionierendes Zusammenspiel und ein guter Umgang für den Projekterfolg sind – insbesondere, wenn es verschiedene Interessen gibt. Gemeinsam haben Antje Groth und Petra Marzin Seminare zum Umgangs- und Konfliktmanagement auch in Schulen veranstaltet.