Social Distancing: Bis bald, Händedruck

„Gib die schöne Hand.“ Bis heute klingt mir die Erziehung meiner Mutter in den Ohren. Jetzt bedeutet eine der ersten Regeln meiner Kindheit eine tödliche Gefahr. Eine Suche nach Alternativen.

Schon die Griechen und Römer reichten einander die Hand als Geste der Eintracht. Das geht aus einem Brief des Apostels Paulus an die Galater etwa 50 n. Chr. hervor. Es ist deshalb völlig normal, dass es uns in der Corona-Krise so schwerfällt, das Gebot des Social Distancing einzuhalten. Kein Händedruck, keine Umarmung, nicht einmal innerhalb der persönlichen Zone von 60 bis 120 Zentimetern dürfen wir uns mehr begegnen. Wie können wir in den nächsten Monaten damit umgehen?

Social Distancing: Neue Rituale müssen her

Social Distancing geht gegen unser inneres Gefühl. Eine verinnerlichte Gewohnheit ist auf einmal falsch. Schon seit Wochen fühlt sich jedes Zurückzucken vor einer ausgestreckten Hand wie eine Ablehnung an. Noch abweisender kommt es uns vor, wenn wir im Gespräch einen Schritt zurücktreten, um den notwendigen 2-Meter-Abstand einzuhalten. Der Professor für Internationales Management Andy Molinsky spricht von einer Micro-Zurückweisung. Wider besseres Wissen fürchten wir, wir könnten unfreundlich wirken oder einen schlechten Eindruck machen. Es müssen also andere Rituale her.

Hand aufs Herz

Wie es gehen kann, macht gerade Gesundheitsminister Jens Spahn vor. Er begrüßt Kollegen mit dem angewinkelten Ellenbogen. Möglicherweise ist in den nächsten Monaten allerdings auch das schon zu viel. Doch es gibt noch andere Gesten: Winken, Lächeln, die leichte Verbeugung, die Hand aufs Herz. Sie passen nicht immer gleich gut, können aber etwas von dem ersetzen, was bisher üblich war.

Wird der East Coast Wave der neue High-Five?

Oder schauen wir uns in anderen Ländern um: Die in Indien (und natürlich im Yoga) gebräuchliche Namasté-Verneigung oder der aus Neuseeland stammende East Coast Wave funktionieren auch aus der Ferne . Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern appelliert:

„Stop handshakes, hugs and hongi. The best thing we can do right now to show love and affection to one another is to switch to the east coast wave.”

In einer Fernsehansprache macht sie vor, wie die Begrüßungsgeste geht: Man zieht die Augenbrauen hoch und hebt leicht den Kopf.

Lieber grüßen

Was uns immer bleibt sind freundlichere, herzlichere Worte als sonst: der explizit formulierte Dank an die Kassiererin, die echt empfundenen guten Wünsche für den Kollegen, der Gruß an die unbekannte Spaziergängerin auf der anderen Straßenseite, die Mail an die Großeltern, die mit einer überlegteren Anrede als sonst beginnt.

Social Distancing ist nicht falsch, nur weil es sich fremd anfühlt

Die neuen Grußrituale sind noch nicht eingespielt. Das führt unweigerlich zu kleinen Ungeschicklichkeiten. Wir sind alle nur Menschen. Es erfordert eine steile Lernkurve, in eine Situation hineinzuwachsen, die für die meisten von uns alles bisher Dagewesene sprengt. Die Lage ist ernst. Machen wir es gut. Alle gemeinsam und gerade deswegen: jeder allein. Ich wünsche Ihnen und allen, die Ihnen wichtig sind, für die nächsten Wochen das Allerbeste.