Gegenwärtig stellt "Corona" unseren Alltag auf den Kopf

Stellt man die Zahl 6 auf den Kopf, erhält man eine 9. Um diese Zahl wiederum richtig sehen zu können, muss man sich selbst auf den Kopf stellen. Krisen verändern das Gewohnte. Das heißt, sie bergen Chancen und veranlassen uns dazu, unsere Sichtweise zu verändern – manchmal um 180 Grad.

Wollen wir den wertschätzenden Umgang mit unseren Mitmenschen auch in der aktuellen Situation unterstreichen, empfiehlt sich vor allem beim Thema „Händeschütteln“ eine Herangehensweise, die – unter Beibehaltung der ursprünglichen Werte dieser Alltags-Geste und der Vorgaben und Empfehlungen seitens der Regierung und der Medizin – genau entgegengesetzt abläuft.

Da früher, bis auf wenige Menschen, niemand lesen und schreiben konnte, wurde alles, was die Menschen über Jahrtausende hinweg vereinbarten, jeder Vertrag, jeder Handel, mit einem Handschlag besiegelt. In unserer europäischen Kultur wurde der Handschlag zum Symbol für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. „Gibt die Hand drauf!“ kann man immer noch oft hören.

Historisch betrachtet ist ein Händedruck auch der „Gruß zur Ehre“. Die mittelalterliche Gesellschaft kannte klare Begrüßungsregeln. Der Gruß mit Händedruck galt als Zeichen der Ehrerbietung und gab dem Gegenüber einen gewissen Grad an Sicherheit. Die Hand, welche zum Gruß gereicht wurde, konnte nicht gleichzeitig zur Waffe greifen.

Des Weiteren wird Nähe gezeigt, da sich bei einem Handschlag zwei Menschen automatisch jeweils in die persönliche Distanzzone des anderen begeben. Diese Nähe wird häufig als besondere Wertschätzung empfunden, da im Handschlag auch eine gewisse Beziehungspflege steckt.

 

Die 180 Grad-Wende

Die Grundmotivation war also Ehre und Sicherheit, Nähe und Wertschätzung, aber auch Verlässlichkeit. Übertragen wir das auf unser Verhalten in der aktuellen Corona-Situation, kann man seinem Gegenüber ein Gefühl von Sicherheit geben, indem eben nicht die Hand gereicht wird, auf der sich eventuell übertragbare Viren befinden könnten.

Ins Gegenteil übertragen sagen wir aktuell: Wer Sorge für die Gesundheit eines anderen Menschen trägt, bleibt auf Distanz (damit keine Ansteckungsgefahr von einem selbst ausgeht). Genau dadurch werden im Augenblick Wertschätzung und Sicherheit vermittelt.

Die Ehrerbietung kann in diesen Tagen auch auf Distanz erfolgen. Wir kommen niemandem zu nahe, überrennen keinen und halten uns an die staatlich empfohlenen Gesundheitsmaßnahmen. Das Eintreten in persönliche Distanzzonen und das gewohnte Händeschütteln ist in der aktuellen Situation eher mit Angst verbunden und kann als respektlos empfunden werden.

Unsere Empfehlung lautet daher: Bleiben Sie mit Abstand vor Ihrem Gegenüber stehen, begrüßen Sie den anderen verbal, schauen Sie ihm in die Augen und schenken Sie ihm dabei wie gewohnt ein freundliches Lächeln.

Irgendwann wird die Corona-Zeit vorüber sein. Wäre es nicht schön, wenn wir dieser – leider häufig zur Floskel verkommenen – Geste des Händeschüttelns dann vom ursprünglichen Gedanken her wieder mehr NachDRUCK verleihen und Aufmerksamkeit schenken würden?

 

Bleiben Sie gesund

Jonathan Lösel und Michael Kugel
Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats