Wie Sie auch in Krisenzeiten eine Kultur des Wohlstands pflegen - unabhängig von der Höhe Ihres Einkommens

Umgang mit Geld

Obwohl unsere Gesellschaft im Überfluss lebt, macht sich spürbar eine Kultur der Armut und des Geizes breit. Der stilvolle Umgang mit Geld ist eine seltene Kunst, die dazu führt, dass Sie trotz beschränkter Möglichkeiten Wohlstand statt Mangel empfinden.        

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Dieser Beitrag aus dem großen Knigge zeigt Ihnen, wie Sie unabhängig von der Höhe Ihres Einkommens und sogar in Krisenzeiten eine Kultur des Wohlstands pflegen.                                                                              

Das Kreuz mit dem Geld

Falls es Ihnen an Geld mangelt, haben Sie vermutlich Sorgen. Falls es Ihnen nicht an Geld mangelt, sind Sie wahrscheinlich auch nicht besser dran. Sie müssen Ihr Vermögen vermehren oder zumindest schützen, den neidischen Blicken der Nachbarn standhalten, sich rechtfertigen und womöglich beweisen, dass Sie nicht in die Kategorie "skrupelloser Geldscheffler" gehören.

Altbewährte Vorurteile

Vorurteile zum Thema Geld gibt es zuhauf. Die Bibel lehrt, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt. Die Ansicht, dass Geld nicht glücklich macht, sondern vielmehr den Charakter verdirbt, verdichtet sich in diversen Zitatsammlungen.

Hier eine kleine Auswahl aus dem großen Knigge:

 

 "Was der liebe Gott vom Gelde hält, kann man an den Leuten sehen, denen er es gibt."
(Peter Bamm, eigentlich Curt Emmrich, 1897–1975, dt. Schriftsteller)

 

 "Das Geld gleicht dem Seewasser. Je mehr man davon getrunken hat, desto durstiger wird man."
(Arthur Schopenhauer, 1788–1860, dt. Philosoph)

 "Die Reichen müssten sehr glücklich sein, wenn sie nur halb so glücklich wären, wie die Armen glauben."
(Charles Tschopp, 1899–1982, schweiz. Schriftsteller)

 

 "Viele Menschen benutzen das Geld, das sie nicht haben,
für den Einkauf von Dingen, die sie nicht brauchen,
um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen."
(Walter Slezak, 1902–1983, österr.-am. Schauspieler)

 

Stilvoller Umgang mit Geld – zwischen Verschwendung und Geiz, Reichtum und Armut, Statusbekundung und Understatement, Gier und Askese, Sein und Schein – ist ein Drahtseilakt. Dieser Beitrag aus dem großen Knigge möchte Ihnen helfen, diesen Drahtseilakt zu bewältigen.

Der große Knigge-Test: Haben Sie eine gesunde Einstellung zum Thema "Geld"?

Ich habe Geldsorgen.

stimmt

stimmt nicht

Ich gebe selten/nicht gern Trinkgeld.

stimmt

stimmt nicht

Wenn ich ein Geschenk auswähle, achte ich vor allen Dingen auf den Preis.

stimmt

stimmt nicht

Geld auszugeben kann ich nicht genießen.

stimmt

stimmt nicht

Beim Einkaufen geht es mir in erster Linie ums Sparen, deswegen lasse ich mich von Sonderangeboten leiten.

stimmt

stimmt nicht

In meiner Familie gibt es wegen des Geldes häufig Streit.

stimmt

stimmt nicht

Andere Menschen bezeichnen mich als Geizhals.

stimmt

stimmt nicht

Von anderen Menschen wegen meines Geldes bewundert (oder beneidet) zu werden, gibt mir Genugtuung.

stimmt

stimmt nicht

Ich kann nicht mit Geld umgehen.

stimmt

stimmt nicht

Ich gebe es nicht gern zu, doch ich bin neidisch auf die Menschen, die mehr Geld haben als ich.

stimmt

stimmt nicht

Wenn ich mehr Geld hätte, wäre ich glücklich.

stimmt

stimmt nicht

Sie ahnen es: Je häufiger Sie mit "Stimmt" geantwortet haben, desto mehr stehen Sie mit dem Thema "Geld" auf Kriegsfuß. Der große Knigge hilft Ihnen in diesem Beitrag dabei, eine gesunde Einstellung zu diesem Zahlungsmittel zu entwickeln und weder als Geizhals noch als Angeber zu gelten. Selbst wenn Sie alle Fragen mit "Stimmt nicht" beantwortet haben, sollten Sie diesen Beitrag lesen. Er liefert Ihnen Beispiele und Anekdoten, die Sie für den Umgang mit Geld noch weiter sensibilisieren.

Schritt 1: So widerstehen Sie Geiz und Gier

Zum Thema "Gier" gibt es viele Geschichten. Hier ist eine von Rainer Wälde, dem Herausgeber des großen Knigge:

 

Vor einigen Jahren unternimmt der damalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf zusammen mit seiner Frau Ingrid eine Einkaufstour zu einer sächsischen Filiale des Möbelhauses Ikea. Die beiden suchen Möbel und Wohn-Accessoires im Wert von etwa 900 Euro aus. Keine große Summe für einen Spitzenpolitiker mit einer Ferienvilla im Chiemgau. An der Kasse nimmt dann die Szene ihren Lauf: Landesmutter Ingrid möchte Rabatt. Und bitte ordentlich. Der wird ihr von der Kassiererin, die gar nicht befugt ist, Rabatte zu gewähren, natürlich verwehrt.

 

Doch Ingrid Biedenkopf wäre nicht Ingrid Biedenkopf, würde sie jetzt aufgeben! Das wollen wir doch mal sehen! Also marschiert sie energischen Schritts zum Kunden-Service und setzt dort die Mitarbeiter so lange verbal unter Druck, bis diese entnervt aufgeben und sie bekommt, was sie will: 15 % Preisnachlass. Später bezeichnet die Sprecherin der Ikea-Konzernzentrale die Sache übrigens als einen „bedauerlichen Einzelfall“, der nicht in Einklang mit der Firmenkultur stehe, denn Ikea gewähre grundsätzlich keine Rabatte – auch nicht Politikern, Milliardären oder gekrönten Häuptern.

 

Geiz und Gier – ein kollektiver Trend?

"Ein jedes Alter hat seine Triebfedern", schrieb der französische Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) in seinem Erziehungsroman „Émile“: „Mit zehn Jahren wird der Mensch durch Kuchen geleitet, mit zwanzig durch die Geliebte, mit dreißig durch die Vergnügungen, mit vierzig durch den Ehrgeiz, mit fünfzig durch den Geiz. Wann folgt er nur der Weisheit?“

Rousseaus Erkenntnis überdauerte zwei Jahrhunderte, dann verlor das gängige Reiz-Reaktions-Schema menschlichen Verhaltens offenbar seine Gültigkeit. So sehen es zahlreiche Medien und vermitteln uns ein vollkommen verändertes Bild: Übrig geblieben scheinen im dritten Jahrtausend nur die Gier und der Geiz, die – etwas überspitzt formuliert – sämtliche Triebe vereinen und alle Menschen vom Grundschul- bis zum Greisenalter durchs Konsumleben steuern.

Werteverfall: Trotzen Sie der Schnäppchenjagd

  • Gäste in Nobelhotels füllen die nachts leer getrunkene Minibar mit Flaschen auf, die sie morgens noch schnell im Supermarkt um die Ecke kaufen.

  • Schulkinder lassen sich von den Eltern Geld für Unterrichtsmaterial zahlen, geben es aber tatsächlich für Süßigkeiten oder CDs aus.

  • Gutsituierte leihen sich beim Autohandel einen Kastenwagen zur Probefahrt, nur um darin ein Sofa zu transportieren, und sparen das Geld für den Möbelwagen.

  • Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr veräußern abends ihre Tageskarte, um noch zwei oder drei Euro herauszuschlagen.

  • Geschäftsleute legen eine Strecke zu Fuß zurück, rechnen aber mit ihrer Firma – gegen fingierte Quittungen – den Preis für ein Taxi ab. Ein solches Verhalten ist übrigens nicht nur gierig, sondern kriminell.

Niederträchtig, aber salonfähig

Aus Einzelfällen ist längst eine Mode-Erscheinung geworden, die sämtliche Volksschichten erfasst. Wurden die oben genannten „Geschäfte“ früher im Verborgenen und mit schlechtem Gewissen abgewickelt, gesellt ich heute eine gehörige Portion Unverfrorenheit hinzu: Sätze wie "Warum soll ich die Situation nicht ausnutzen?", "Wenn die anderen zu blöd sind …" oder "Ist doch nicht verboten!" rechtfertigen selbst krumme Touren. Ein bisher nicht gekanntes "Selbstbewusstsein" führt dazu, dass Gewinnsüchtige sich sogar mit ihren Taten brüsten.

Geiz versus Sparsamkeit

"Seit meiner Jugend bin ich ständig angehalten worden, sparsam zu sein", werden Sie an dieser Stelle vielleicht einwenden. "Was soll daran plötzlich so falsch sein?" Tatsächlich wird Sparsamkeit in unserer Gesellschaft als Tugend gehandelt. Kein Finanzminister seit Karl Schiller, der sie sich nicht auf seine Fahnen schreiben würde. Und der über jeden Verdacht erhabene Bund der Steuerzahler zeichnet Personen aus, die "hervorragend mitwirkten, Sparsamkeit, Tüchtigkeit und Sauberkeit als oberste Grundsätze für die öffentliche Hand zu fördern".

Geiz ist nicht gleich Sparsamkeit. Geiz ist ein Laster, Sparsamkeit dagegen eine Tugend. Freilich gibt es auch Mischformen, aber die meisten Definitionen trennen beide Charaktereigenschaften sehr präzise. "Geiz ist eine der unedelsten Leidenschaften des Menschen", schrieb Adolph Freiherr Knigge
(1752–1796). Im Gegensatz dazu stellte er fest: "Häusliche Sparsamkeit ist ein Mittel zum Eheglücke." Sparen ist die richtige Mitte zwischen Geiz und Verschwendung, urteilte der Schwabe Theodor Heuss (1949–1959 Bundespräsident Deutschlands).

"Geiz" wird gleichgesetzt mit …

Geldgier, Habgier, Gewinnsucht, Raffgier, Raubbau, Selbstsucht, Egoismus, Eigennutz, Kleinlichkeit, Hartherzigkeit, Missgunst, Beschränktheit, Kurzsichtigkeit, Engstirnigkeit


Sparsamkeit wird gleichgesetzt mit …

Wirtschaftlichkeit, Genügsamkeit, Umsicht, Vorsorge, Haushalten, Achtsamkeit, Bescheidenheit, Einfachheit, Häuslichkeit, Zurückhaltung, Geschäftsgeist, Preisbewusstsein, gesundem Menschenverstand

Keine Angst vor gesundem Sparsinn!

Sie sehen also, dass Geiz und Sparsinn allenfalls begrifflich verwandt sind. Inhaltlich unterstreichen die häufigsten Attribute, mit denen unsere Sprache beide Wörter verbindet, den klaren Gegensatz: Danach ist das eine Verhalten krankhaft, das andere gesund.

Der Soziologe und Philosoph Georg Simmel (internationales Ansehen erlangte er 1900 mit seiner „"Philosophie des Geldes") unterschied sehr fein zwischen den Erscheinungsformen des Geizes und der Sparsamkeit. Ein sparsamer Mensch ist für ihn jemand, der sich des Wertes bestimmter Dinge bewusst ist. Eine geizige Person hängt in Simmels Augen allein am Geld, das eigentlich immer nur Mittel, niemals aber Zweck sein sollte.

Geldwert und Sachwert

Man bezeichnet eine Reihe von Erscheinungen als Geiz, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil desselben sind. Es handelt sich um die Menschen, die ein abgebranntes Streichholz nochmals benutzen, leere Briefseiten sorgfältig abreißen, kein Stückchen Bindfaden wegwerfen und auf jede verlorene Stecknadel die Mühe des Suchens verwenden.

Tatsächlich aber denken sie gar nicht an den Geldwert jener Objekte – die Stärke ihres Gefühls gilt gerade dem sachlichen Wert derselben. In diese Kategorie gehören auch jene sonderbaren, aber nicht allzu seltenen Menschen, die ohne Bedenken 50 Euro, aber nur mit wahrer Selbstüberwindung einen Bogen Papier aus ihrem Schreibvorrat oder Ähnliches verschenken.

Sie brauchen sich auch in Zukunft keine großen Gedanken zu machen, wenn Sie etwa einseitig bedrucktes Papier als Schmierpapier verwenden oder einen Bleistift auf die Hälfte seiner ursprünglichen Größe herunterspitzen. Sollten Sie durch Ihr Verhalten auch nur einen Baum vorm Gefällt werden retten, ist das bereits ein Gewinn für die Umwelt. Als wertebewusster Mensch geben Sie durch Ihr sparsames bzw. Ressourcen schonendes Verhalten sogar ein Vorbild ab.

Schritt 2: Lernen Sie die Kunst, mit Geld Wohlstand zu erzeugen

Es gibt Menschen, die sehr viel Geld besitzen und dennoch keinen Wohl-Stand empfinden. Ihr Konsum bereitet ihnen nicht die gewünschte Befriedigung und kann nicht dazu beitragen, das persönliche oder allgemeine Wohl-Ergehen zu steigern.

Mögliche Gründe: Neid, Verlustängste, verschobene Be-Wertungen, überzogene Erwartungen, schnell verfliegende Freude an neuen Besitzgütern.

Dass der Wert eines Produkts sich nur behelfsmäßig über den Preis definiert, ist kein neuer Gedanke. Es hat den Wert, den Sie ihm beimessen – doch dieser wiederum wird häufig durch den materiellen Wert mitbestimmt:

  • Teure Autos werden meistens besser gepflegt und öfter gewaschen als billige.
  • Der Sohn im Teenager-Alter trägt und pflegt seine Designer-Jeans und lässt die "No-Name"-Jeans (Jeans ohne Marke) im Schrank links liegen.
  • Manch einer glaubt sogar, allein durch den Besitz exquisiter Designer-Kleidung einen gesellschaftlichen Aufstieg geschafft zu haben und ein wert-vollerer Mensch zu sein.

Gute Qualität hat häufig einen stolzen Preis und anders herum: Ein hoher Preis suggeriert eine gute Qualität. Ob dies stimmt und ob die Rechnung für Sie persönlich aufgeht, sollten Sie aber immer kritisch prüfen.

Dazu ein Beispiel aus dem großen Knigge:

 

Wann teuer günstig ist

 

Manager A ist sehr zufrieden mit seinen von Hand rahmengenähten Schuhen und trägt sie nicht ohne Stolz. Für das Paar hat er 450 Euro gezahlt. Diese Summe lässt den preisbewussten Manager B innerlich aufschreien. Er trägt Schuhe für 50 Euro. "Die tun’s auch", sagt er.

Er übersieht jedoch, dass Manager A seine geliebten rahmengenähten Schuhe dank hochwertiger Verarbeitung und guter Pflege nach zehn Jahren immer noch trägt. Langfristig betrachtet ist er womöglich der Sparsamere, der mit seiner Entscheidung nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt schont.

 

 

Vorsicht bei Billigkäufen

Billigkäufe haben häufig den Nachteil, dass die Freude daran eingeschränkt oder schnell verflogen ist. Dazu ein weiteres Beispiel:

Herr Geizmann läuft an einem Park und an einer Eisdiele vorbei und bekommt Lust auf ein Eis. Statt diese in der Eisdiele zu befriedigen, beschließt er, 10 Minuten zum nächsten Discounter zu laufen, weil das Eis dort 50 Cent günstiger ist.

Herr Geizmann übersieht dabei, dass die gesparten 50 Cent ihn um einen Großteil des Genusses bringen könnten. Ihm könnte auf dem Weg zum Discounter oder beim Anstehen an der Kasse die Lust auf das Eis vergehen. Es bereitet ihm weniger Freude, das Eis an einer stark befahrenen Straße statt im ruhigen Park zu essen. Beim Schlecken merkt er möglicherweise, dass ihm das günstige Discounter-Eis nicht das ersehnte Geschmackserlebnis beschert, das er sich eigentlich gönnen wollte.

Lieber zu viel als zu wenig

Vernünftiges Preisbewusstsein verhält sich zum reinen Billigdenken wie gesunde Sparsamkeit zum Geiz – und schließt den Genuss mit ein! Den Unterschied machte der englische Sozialphilosoph John Ruskin (1819–1900) deutlich:

 

Angemessener Betrag

 

Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie alles, wenn der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht einwandfrei erfüllen kann.

 

Was nutzt dem Sparfuchs ein Eis, das unübertroffen billig war, das er aber aus diversen Gründen nicht genießen konnte?

Der Reformator Martin Luther warnte in einer seiner Tischreden davor, die Jagd nach dem Geld zum einzigen Lebensinhalt zu gestalten: „Der Geiz macht, dass wir nichts mit Lust und Freude gebrauchen können. So mancher Geizwanst sitzt auf großem Gut und kann es doch nicht mit Lust genießen!“

Trostpflaster "wachsende Macht"

Geld wird häufig mit Macht gleichgesetzt: Wer viele Euro anhäuft, statt sie auszugeben, hat tatsächlich ein Autoritätsmittel in der Hand.

Die Literatur kennt etliche reiche, verbitterte Zeitgenossen, die ihre Umgebung tyrannisieren, in Gestalt des Scrooge in Charles Dickens’ "Weihnachtsgeschichte" oder von Molières Harpagon ("Der Geizige"). Unzählige Komödien drehen sich um den Besuch der reichen Erbtante, die ganze Familien vorübergehend in den Wahnsinn treibt. Die Kehrseite der Macht: Menschen, denen der Besitz von Geld alles bedeutet, sind meist sehr einsam.

Genuss durch Kaufrausch?

Slogans wie "Spar dich reich" animieren nicht zum Geldhorten. Im Gegenteil: Die Preise werden als so unübertrefflich günstig dargestellt, dass sich als Folge ein Kaufrausch einstellen soll. Doch ist dieser – ebenso wie das Geldhorten – ein Selbstzweck. Beiden fehlt laut Georg Simmel der Bezug zur Sache oder vielmehr zum Wert einer Sache.

Eine solche eindimensionale Betrachtung (hiervon ausgeschlossen sind alle, denen die Not ihr Preisbewusstsein diktiert) hat der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854–1900) in treffende Worte gefasst: "Einen Zyniker erkennt man daran, dass er von jedem Ding den Preis, aber von keinem den Wert weiß." Preis und Wert sind nicht dasselbe. Sie machen es besser, wenn Sie beim Geldausgeben nicht nur den Preis, sondern auch den Wert einer Ware oder Dienstleistung vor Augen haben.

Sie entscheiden, was Ihnen eine Sache wert ist

Bevor Sie eine Ausgabe tätigen, sollten Sie jedes Mal kurz erwägen, was Ihnen die Ware wert ist. Dabei helfen Ihnen folgende Betrachtungen:

Stellen Sie sich diese Fragen:

  • Brauche ich das Objekt, das meine Begierde gerade erweckt, tatsächlich? Und wenn ja: wozu? Welche Vorteile bringt es mir?
  • Inwieweit trägt der Gegenstand tatsächlich dazu bei, Ihr eigenes Empfingen von Wohl-Stand zu erhöhen?
  • Prüfen Sie kurz: Warum reizt mich die Ware? Nur weil sie billig ist? Oder weil ich sie ohnehin schon seit Längerem erwerben wollte?

Vorsicht vor spontanen Billigkäufen! Davon profitiert nur einer: der Händler. Sie ärgern sich später mit dem nutzlosen Objekt herum.

Der große Knigge-Experten-Tipp von Rainer Wälde:

3 Maximen für den Einkauf

Ich persönlich habe seit Jahren 3 Maximen, nach denen ich mein Konsumverhalten ausrichte:

  1. Ich kaufe grundsätzlich nichts, um andere zu beeindrucken.
  2. Ich kaufe etwas, weil ich es brauche oder mir etwas gönnen will. Das bedeutet auch, dass ich mich vor "Hamsterkäufen" hüte. Statt unbenutzte Gegenstände jahrelang zu lagern, kaufe ich lieber erst dann, wenn ich meinen Bedarf wirklich absehen kann.
  3. Das, was ich kaufe, besticht durch schlichte Eleganz und Langlebigkeit. Ich mag die Aussage "Form follows function": An erster Stelle steht die Funktionalität eines Gegenstands, den das Design fördern und nicht stören soll. Was nutzt Ihnen ein bildschöner Stuhl, wenn Sie darauf nicht bequem sitzen können?

Wenn Sie bereits beim Kauf eines Produkts kritisch sind, bannen Sie die Gefahr, Geld für Dinge auszugeben, an denen Sie keine Freude empfinden. Es sind vielleicht auch Dinge, die in den Augen anderer Statussymbole sind, jedoch Ihnen persönlich nicht zum ersehnten Empfinden von Wohl-Stand verhelfen.

Schritt 3: Pflegen Sie die Kultur des Reichtums – unabhängig von Ihrem Einkommen

Eine "Kultur der Armut" haben Sie hin und wieder sicherlich auch schon einmal erlebt:

 

Der große Knigge-Erlebnis von Rainer Wälde: Sparen bei der Gastfreundschaft

 

Können Sie sich vorstellen, dass Sie zu einer ganztägigen Besprechung bei einem Geschäftspartner eingeladen sind und es außer Mineralwasser nichts gibt? Noch nicht einmal einen Keks? Nur "sauren Sprudel", wie man in Schwaben sagt?

Genau das ist meiner Frau und mir bei einem Medienunternehmen widerfahren. Unseren unterzuckerten Zustand und unsere ramponierten Nerven können Sie sich vielleicht ausmalen. Als wir zu einer weiteren Besprechung zu diesem Unternehmen reisten, machten wir vorher noch Halt und sorgten für eine solide Grundlage. Und zum Meeting brachten wir eine große Tüte voller frischer, duftender Laugenbrezeln mit. Alle Besprechungsteilnehmer freuten sich darüber.

Dass die Unternehmensleitung aber danach irgendeine Notwendigkeit sah, ihre Haltung zur Gastfreundschaft zu überdenken, bezweifeln wir heute noch – zu stark hatte sich diese Firmenkultur der Armut und des Geizes schon breitgemacht.

Eine "Kultur der Armut" ist häufig auch beim Trinkgeldgeben zu beobachten. Es wird ausgiebig gespeist und getrunken – doch beim Trinkgeld wird geknausert. Machen Sie es besser: Gönnen Sie den Service-Kräften, die Sie verwöhnen und umsorgen, diese materielle Anerkennung – sofern Sie zufrieden waren.

 

Achtung! Vorschnelle Armutsbekundungen sollten Sie nicht als Ausrede gelten lassen. Wer Wein statt Wasser bestellt, kann sich auch den „Luxus“ gönnen, die Leistungen der Service-Kräfte anzuerkennen.

Ihr Einfühlungsvermögen ist gefragt

Neben dem nötigen Fingerspitzengefühl ist auch eine Kenntnis der jeweiligen Sitten von Bedeutung. Vor allem in ärmeren Ländern werden manchmal seltsame Wege eingeschlagen, um in den Genuss einer zusätzlichen Gratifikation zu kommen. In einigen Staaten ist es beispielsweise üblich, dass Kinder die Schule schwänzen, da Betteln vermeintlich lukrativer ist. Für uns schwer nachvollziehbar ist die Bereitschaft, sich sogar selbst zu verkrüppeln, um die Chancen beim Betteln zu steigern.

Die folgende Darstellung eines kulturellen Missverständnisses hat sich tatsächlich so zugetragen – in Bangladesh:

 

Wert des Geldes

 

Deutsche Manager bauten mit einheimischen Kräften eine Telefonfabrik in der Hauptstadt Dacca auf. Vom Elend, das sie sahen, waren sie gerührt – und setzten durch, dass blinden Arbeitern der anderthalbfache Lohn gezahlt wurde. Darauf hagelte es Proteste der Gewerkschaften. Ihnen war zu Ohren gekommen, dass einige Arbeiter sich die Augen ausstechen wollten, um mehr Lohn zu kassieren. Die Erhöhung wurde sofort zurückgenommen.

 

Am besten verfahren Sie bei Extras wie folgt:

  • Geben Sie so viel, dass die Leistung oder der Service gewürdigt wird – aber sprengen Sie nicht den ortsüblichen Rahmen.
  • Auch wenn Sie aus einem reichen und vielerorts bewunderten Land kommen: Sie sind nicht besser als die Menschen, die Sie bedienen.
  • Wenn Sie nicht wie ein Goldesel behandelt werden möchten, sollten Sie Ihren Reichtum nicht zur Schau stellen. Das gilt besonders in armen Ländern!


 

Erlebnis von Agnes Jarosch, Chefredakteurin des großen Knigge:  Unsensibler Umgang mit Geld fördert Neid und Missgunst

 

Als ich vor einigen Jahren mein Plan-Patenkind in einem Dritte-Welt-Land besuchte, ließ ich edle Kleidung und Schmuck selbstverständlich zu Hause. Ich erinnere mich jedoch noch an eine Begebenheit in einem kleinen Hotel direkt am Meer.

Die Urlauber waren überwiegend gut gestellte, westeuropäische Damen in den Mittvierzigern, die zum Abendessen gern ihren (teilweise frisch erworbenen) Schmuck und edle Kleider anlegten. Auf mich wirkte das Zurschaustellen von Besitz und Reichtum in einem Dritte-Welt-Land deplatziert. Ich verfolgte manche sehnsüchtig-neidischen Blicke der Bediensteten. Das Zurschaustellen von Besitz weckte Verlangen, vielleicht sogar Missgunst.

Vor dem Hintergrund der großen Armut und fehlenden Chancengleichheit war das für mich aber sehr verständlich und einfach nachzuvollziehen. Genau die Damen, die zu Schnäppchenpreisen Edelsteine und Seide eingekauft hatten, hatten sich "verkalkuliert" – und am letzten Urlaubstag "leider" kein Bargeld mehr übrig, um den fleißigen Hotelangestellten ein angemessenes Trinkgeld zu überlassen …

 

Eine Kultur des Wohlstands ist keine Kultur des Prahlens

Wer eine Kultur des Wohlstands pflegt, hat es nicht nötig, sich mit Besitztümern über andere zu erheben. Auch dazu ein Beispiel aus dem großen Knigge von Rainer Wälde:

 

Falsche Großzügigkeit

 

Meine Frau und ich wohnen in einem Haus, das früher dem alleinstehenden Personalchef eines mittelständischen Unternehmens gehörte. Der hatte die Angewohnheit, auf einem kleinen Tischchen innen neben der Haustür immer ein bankübliches Bündel mit Zehnmarkscheinen liegen zu haben. Ob nun die Putzfrau nach getaner Arbeit das Haus verließ oder der Postbote ein Paket abgeliefert hatte – immer sagte der Hausherr: "Nehmen Sie sich noch einen Zehnmarkschein!"

Damit wollte er Großzügigkeit demonstrieren. In Wirklichkeit zeigte er dadurch nur, dass er nicht verantwortungsvoll mit seinem Vermögen umging. Er praktizierte vielmehr eine Kultur der Verschwendung. Seine "Großzügigkeit" wurde von den Lieferanten und Dienstleistern natürlich schamlos ausgenutzt. Da nahm mancher gerne auch mal zwei oder drei Scheine. Trotz seiner vermeintlichen Großzügigkeit starb dieser Manager einsam und hinterließ nichts als Schulden.

 

Leben Sie nicht über Ihre Verhältnisse

Wer eine Kultur des Wohlstands pflegt, lebt nicht über seine Verhältnisse. Verschuldet zu sein und Geldscheine wie Bonbons zu verteilen ist nicht großzügig, sondern fahrlässig. Die Relation zum Wert des Geldes fehlt. Statt einen Lebensstil zu demonstrieren, den Sie sich guten Gewissens gar nicht leisten können, ist es angemessen, sich zu seinen Möglichkeiten zu bekennen:

  • Besser, Ihre Gäste können im zünftigen Wirtshaus nach Belieben bestellen, als dass die Preise im Sterne-Restaurant Ihnen bereits bei der Bestellung Sorgen bereiten.
  • Stehen Sie zu Ihrem Mittelklasse-Wagen, der gepflegt und top in Schuss ist, statt sich für ein Prestigeauto übermäßig zu verschulden.
  • Häufig gehen Armut, Verwahrlosung und Dreck miteinander einher. Das muss nicht sein! Pflegen und behandeln Sie zum Beispiel Ihr Sofa vom Möbel-Discounter genauso sorgfältig, wie Sie die edle Designer-Couch behandeln würden, die Sie sich von Herzen wünschen.
  • Tragen Sie sorgfältig ausgewählte Kleidung von der Stange mit dem Selbstbewusstsein, mit dem Sie auch maßgeschneiderte Kleidung tragen würden.

Der Zusammenhang von Gunst und Gönnen

Gunst kommt von Gönnen! Eine Kultur des Wohlstands setzt eine ganz bestimmte Geisteshaltung voraus: Gönnen Sie als Mensch einem anderen Menschen und Unternehmen, dass diese etwas an Ihnen verdienen? Falls ja, so stehen diese Menschen und Unternehmen in Ihrer Gunst.

Das Gegenteil von Gunst: Missgunst

Wer mit dem Prinzip der Gunst nichts anfangen kann, wer anderen nicht gönnt, dass sie von ihm profitieren, der verbreitet eine Aura von Neid und Missgunst um sich herum, die die Atmosphäre vergiftet. Missgunst strahlt immer in alle Richtungen. Wenn ein Unternehmen seinen Lieferanten und Dienstleistern nicht die Butter auf dem Brot gönnt und mit ihnen um jeden Euro Honorar feilscht, dann wird sich diese Missgunst auch auf die Mitarbeiter des Unternehmens und schlussendlich auf dessen Kunden übertragen. Wie ein Unternehmen mit seinen Lieferanten umgeht, ist immer ein Spiegel dessen, wie es mit seinen Kunden umgeht. Geben und Nehmen müssen sich in einer Balance befinden.

Wenn Sie eine Kultur des Wohlstands pflegen, gönnen Sie auch anderen Menschen ihren Wohlstand. Sie gönnen Ihnen von morgens bis abends, dass sie an Ihnen verdienen. Sie lassen sie davon profitieren, dass Sie mit allen Voraussetzungen beschenkt sind, ein Leben fernab des Mangels zu führen.

 

Der große Knigge-Erlebnis von Rainer Wälde: Erkennen Sie den Wert einer guten Beratung an

 

Wenn ich etwa eine neue Kamera brauche, gehe ich nicht zu einem Discounter und handle auch noch unangemessenen Rabatt aus, sondern lasse mich in einem guten Fachgeschäft beraten und sorge durch meinen Kauf dort ein Stück weit dafür, dass die großen Handelsketten den Einzelhandel nicht gänzlich kaputt machen.

Wenn ich in Berlin in der U-Bahn einen Menschen treffe, der eine Obdachlosenzeitung verkauft, dann gebe ich ihm gerne das Geld – nehme dann aber auch die Zeitung. Nur so behält der Verkäufer seine Würde. Gäbe ich ihm nur das Geld und ließe die Zeitung stecken, wären das Almosen – mit Gunst hätte das nichts zu tun. Gunst heißt, seine Mittel so einzusetzen, dass sie anderen nützen, ohne diese zu beschämen.

 




 

Der große Knigge: Alles auf einen Blick –  Die 7 besten Praxis-Tipps zum stilvollen Umgang mit Geld

  1. Reden Sie nicht über Geld, sofern es nicht erforderlich ist. Falls Sie "reich" sind, wecken Sie Neid, falls Sie "arm" sind, womöglich Mitleid. Falls Sie mit Geld umgehen können, werden Sie misstrauisch beäugt – falls nicht, erst recht.
  2. Selbstverständlich dürfen Sie als guter Kunde nach einem Rabatt fragen. Dass die Gewinnmargen von Discountern zu knapp kalkuliert sind, um Preisnachlässe zu gewähren, versteht sich von selbst. Bitte bedenken Sie immer: Über den Preis erkennen Sie auch den Wert einer Leistung an.
  3. Vergessen Sie niemals, dass "viel" und "wenig" relative Angaben sind: Ein Arbeitsloser, der sich kein Auto leisten kann, wird kaum nachvollziehen, dass Sie die neue Luxuslimousine für 70.000 Euro als "Schnäppchen" bezeichnen.
  4. Gehen Sie dezent mit Geld um. Restaurantrechnungen begleichen Sie am besten am Tresen, sodass Ihre Gäste den Endbetrag nicht mitbekommen. Ihre Gäste müssen weder wissen, wie viel die gerade geleerte Flasche Wein gekostet hat noch wie teuer Ihr neuer Wohnzimmerteppich war.
  5. Wenn Sie Geld ausgeben: Tun Sie es mit gutem Gewissen und mit Freude. Geizen Sie weder beim Trinkgeld noch bei Geschenken, die anderen Freude bereiten sollen.
  6. Leben Sie nicht über Ihre Verhältnisse, um anderen zu imponieren. Ein bodenständiger Lebensstil ist keine Schande!
  7. Lassen Sie sich selbst vom Reichtum nicht blenden. "Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 Jahren zehnmal so reich sind, als sie es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehnmal so glücklich." (George Bernard Shaw, irischer Dramatiker und Satiriker, Träger des Literaturnobelpreises, 1856–1950)

 

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